Die Geschichte der Rero AG beginnt im ausgehenden 19. Jahrhundert, in einer Zeit, als die Uhrenindustrie dem Waldenburgertal ein neues Gepräge gab. 1876 liess sich in Waldenburg ein Vergolder namens Voirol nieder. Bei ihm ging Heinrich «Heiri» Tschopp in die Lehre, später folgte er ihm in die Westschweiz, damals das Herz der Uhrenindustrie.
1882 kehrte Tschopp nach Waldenburg zurück und gründete dort jene Vergolderei, aus der später die heutige Rero AG hervorging.
Am Anfang standen Uhrwerke. Sie mussten nicht nur präzis gefertigt, sondern auch sauber bearbeitet und veredelt werden. Vergolden, Polieren und andere Oberflächenbehandlungen verlangten Erfahrung, Sorgfalt und einen sicheren Blick. Solche Arbeiten standen selten im Vordergrund, für die Qualität des fertigen Produkts waren sie jedoch wesentlich. In einer Region, in der sich die Feinmechanik immer stärker entfaltete, war dieses Können gefragt.
Aus Heinrich Tschopp wurde Rero
Ein markanter Schritt folgte 1921. In diesem Jahr übernahmen Reinhold und Robert Tschopp den Betrieb und verlegten ihn in ein neu erstelltes Fabrikgebäude ausserhalb des Städtchens. Aus den Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen entstand der Name Rero. Damit begann ein neues Kapitel, ohne dass die Verbindung zur Gründerfamilie abriss.
Auch fachlich blieb der Betrieb nicht stehen. Neben der Uhrenindustrie traten nach und nach weitere Bereiche der Feinmechanik hinzu. Wo präzise Metallteile gefertigt werden, stellt sich früher oder später auch die Frage nach der passenden Oberfläche. Schutz gegen Korrosion, gleichmässige Beschichtung, technische Leitfähigkeit oder saubere Optik: All das gewann an Bedeutung, je anspruchsvoller die Produkte wurden. Rero fand hier ein Arbeitsfeld, das mit den Jahren immer breiter wurde.
Die Oberfläche entscheidet mit
Wer an Industrie denkt, denkt meist zuerst an Maschinen, Werkzeuge und fertige Produkte. Die Oberfläche eines Werkstücks gerät dabei leicht aus dem Blick. Gerade sie entscheidet aber oft mit darüber, wie haltbar, widerstandsfähig oder funktionstüchtig ein Teil am Ende ist. Ob etwas rostet, gut leitet oder sich für einen bestimmten Einsatzzweck eignet, hängt oft an der Art der Behandlung. Auf diesem Gebiet hat sich Rero über Generationen hinweg ein eigenes Können erarbeitet.
Die Firma wuchs weiter. 1954/55 wurde der Betrieb erstmals grösser erweitert. 1961/62 folgte eine weitere Vergrösserung; dabei wurde der Bereich «Anodische Oxydation und Färben von Aluminium» ausgebaut. Damit war längst klar, dass Rero nicht mehr nur eine Vergolderei für Uhrwerke war, sondern ein Unternehmen mit einem deutlich breiteren technischen Spektrum.
Mit dem Tal gewachsen
Die Entwicklung der Rero AG spiegelt ein Stück Industriegeschichte des Waldenburgertals. Viele Betriebe der Region waren anfangs eng mit der Uhrmacherei verbunden. Später öffneten sie sich neuen Branchen und neuen Märkten. So blieb die industrielle Substanz erhalten, auch wenn sich Produkte und Verfahren veränderten. Bei Rero lässt sich das besonders gut beobachten. Aus einem Betrieb, der einst Uhrwerke vergoldete, wurde ein Unternehmen, das für sehr unterschiedliche Industriezweige arbeitet.
1973 wurde die Firma in eine Aktiengesellschaft unter dem heutigen Namen RERO AG umgewandelt. 1977 folgten erneute Erweiterungsbauten, weil die Raumverhältnisse knapp geworden waren und strengere Umweltschutzbestimmungen zusätzliche Anpassungen verlangten. Auch darin zeigt sich, dass industrielle Entwicklung nicht stillsteht: Ein Unternehmen muss sich technisch, organisatorisch und baulich immer wieder neu aufstellen.
Auch in der Medizinaltechnik zuhause
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung im Bereich der Medizinaltechnik. Dort gelten hohe Anforderungen an Sauberkeit, Nachvollziehbarkeit und gleichbleibende Qualität. Oberflächenbehandlungen sind auch hier von grosser Bedeutung. Metallteile für medizinische Anwendungen müssen genau definierten Standards entsprechen. Rero hat sich deshalb auch auf diesen Bereich ausgerichtet und seine Verfahren entsprechend weiterentwickelt.
Daran wird sichtbar, wie sich im Waldenburgertal über Jahrzehnte hinweg verschiedene Fähigkeiten miteinander verbunden haben: Feinmechanik, Werkstoffwissen, Präzisionsarbeit und industrielle Verlässlichkeit. Rero gehört zu den Firmen, die diesen Weg mitgegangen sind und ihn auf ihre Weise mitgeprägt haben.
Vierte und fünfte Generation
1986 zeichnete bei Rero bereits die vierte Generation der Familie Tschopp für die Geschicke des Unternehmens verantwortlich: Rolf und Reinhold Tschopp führten den Betrieb weiter. 1996 kam mit der Gründung eines Joint Ventures im deutschen Schliengen ein weiterer Schritt hinzu. Damit schlug die Firma auch eine Brücke in den EU-Raum.
Seit 2015 führen Thomas und Adrian Tschopp die Rero AG in der fünften Generation. Heute arbeiten dort rund 90 Mitarbeitende aus 16 Nationen. In den vergangenen Jahren wurden der Maschinenpark modernisiert, das Firmengebäude erweitert, der Wasserverbrauch deutlich gesenkt und für die Medizintechnik eine eigene Linie geschaffen und zertifiziert. Auch die Digitalisierung wurde mit einem modernen ERP-System vorangetrieben.
Ein Unternehmen, das ins Tal gehört
Die Geschichte der Rero AG ist eine Geschichte des Dranbleibens. Aus einer Vergolderei von 1882 wurde ein moderner Betrieb der Metallveredelung. Dazwischen liegen der Ausbau durch die zweite Generation ab 1921, Erweiterungen in den 1950er- und 1960er-Jahren, die Umwandlung zur AG 1973, weitere Ausbauschritte in den 1970er-Jahren und schliesslich die Weiterführung bis in die fünfte Generation seit 2015.
Wer die Industriegeschichte des Waldenburgertals verstehen will, sollte auch auf solche Firmen schauen. Sie machen sichtbar, wie aus einer kleinen Region ein Ort mit bemerkenswerter technischer Dichte werden konnte. Die Geschichte der Rero AG ist Teil dieser Entwicklung – ruhig, beständig und mit klarer Linie.
