Gedeon Thommen – Der Taktgeber einer ganzen Region

Wenn im Waldenburgertal von Aufbruch, Unternehmergeist und industrieller Prägung die Rede ist, führt an einem Namen kaum ein Weg vorbei: Gedeon Thommen.

Er war Fabrikant, Bahnpionier, Politiker und Förderer des Gemeinwesens. Vor allem aber war er einer jener Männer, die eine Zeit des Umbruchs erkannten und entschlossen handelten. Das Waldenburgertal verdankt ihm weit mehr als eine erfolgreiche Uhrenfabrik. Es verdankt ihm einen entscheidenden Teil seines wirtschaftlichen Selbstbewusstseins.

Herkunft aus einem politisch wachen Haus

Gedeon Thommen wurde am 7. Dezember 1831 in Waldenburg geboren. Er wuchs in einer Familie auf, in der Arbeit, Verantwortung und Politik eng zusammengehörten. Sein Vater Martin Thommen war Seiler, später Oberrichter und in bewegten Zeiten auch politisch engagiert. Er stand in den Jahren der Baselbieter Wirren auf der Seite der Landschaft und gehörte 1830 der provisorischen Regierung an. In Basel sass er zeitweise sogar im Gefängnis. Solche Erfahrungen prägten ein Haus. Hier lernte man früh, dass eine Heimat nicht einfach gegeben ist, sondern immer wieder mitgetragen werden muss.

Die Familie blieb von Schicksalsschlägen nicht verschont. Von elf Kindern überlebten nur fünf. Gedeon wuchs also in einer Welt auf, in der Nähe und Verlust, Anstrengung und Pflichtbewusstsein eng beieinanderlagen. Schon als Knabe fiel er durch seine Begabung auf. Mit zehn Jahren trat er in die Bezirksschule ein, hielt mit älteren Schülern mit und erhielt ein Abschlusszeugnis, das ihn ausdrücklich für weiterführende Studien empfahl. Für einen Jungen aus einem kleinen Tal war das alles andere als selbstverständlich.

Bildung, Rückkehr und handwerkliche Bodenhaftung

Nach der Bezirksschule besuchte Gedeon Thommen die Kantonsschule in Aarau. Später ging er nach Genf und erhielt dort eine kaufmännische Ausbildung. Er lernte Sprachen, wirtschaftliches Denken und den Blick über die Region hinaus. Alles hätte darauf hindeuten können, dass er seinen Weg anderswo suchen würde. Doch er kehrte jung nach Waldenburg zurück.

Zunächst trat er nicht als Unternehmer auf, sondern arbeitete im angestammten Gewerbe der Familie. Er erlernte die Seilerei und führte das Geschäft später auf eigene Rechnung weiter. Auf der Seilerbahn arbeitete er noch mit Hanf und Handwerk, mit jener alten Erwerbskultur also, die im Tal über lange Zeit eine wichtige Rolle gespielt hatte. Diese Phase ist mehr als eine hübsche biografische Randnotiz. Sie zeigt, dass Thommen die Welt des Handwerks aus eigener Erfahrung kannte. Er wusste, wie mühsam Erwerb sein konnte und wie rasch sich die wirtschaftlichen Grundlagen einer Region verändern konnten.

Ein Tal in der Krise

Als Gedeon Thommen ins Berufsleben eintrat, befand sich das Waldenburgertal in einer schwierigen Lage. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Basel–Olten war der frühere Transitverkehr über den oberen Hauenstein stark zurückgegangen. Für viele Gasthäuser, Handwerker und Fuhrleute brach damit eine wichtige Existenzgrundlage weg. Die wirtschaftliche Not war so gross, dass man in Waldenburg 1852 sogar eine Auswandererkommission einsetzte, um Auswanderungswillige zu unterstützen. Amerika erschien manchen als letzter Ausweg.

In dieser bedrängten Situation suchte die Gemeinde nach neuen Erwerbsmöglichkeiten. 1853 fasste sie einen mutigen Beschluss: Die Uhrenfabrikation sollte im Tal eingeführt werden. Fachleute aus der Westschweiz wurden beigezogen, Lehrmeister verpflichtet, Werkstätten eingerichtet und erhebliche Summen investiert. Die Gemeinde stellte zunächst 10’000 Franken bereit, später nochmals 10’000 und 1856 weitere 20’000 Franken. Für eine kleine Gemeinde war das ein ausserordentliches Wagnis. Die Hoffnung war gross, der Erfolg zunächst bescheiden. Die Fabrik geriet bald in Schwierigkeiten, schrieb Verluste und wurde zum Streitfall.

Der Mann für die heikle Sanierung

Gedeon Thommen trat in dieser kritischen Phase nicht als grossspuriger Retter auf, sondern als nüchterner und genauer Kopf. Bereits 1855 erhielt er den Auftrag, Ordnung in die Bücher des angeschlagenen Unternehmens zu bringen. 1856 legte er Rechnung über den Geschäftsgang ab, 1857 wurde er Vizepräsident der neu bestellten Direktion. Er kannte also die Probleme von innen, lange bevor er selber Eigentümer wurde.

1859 übernahm er die Fabrik zusammen mit Louis Tschopp. Der Kaufpreis betrug 61’259 Franken und 69 Rappen, während gleichzeitig noch ein Defizit von über 35’000 Franken bestand. Die neuen Besitzer standen sofort unter Druck. Es gab Misstrauen, Vorwürfe und Auseinandersetzungen über Akten und Abrechnungen. Schliesslich musste sogar eine neutrale Kommission eingesetzt werden. Ihr Urteil fiel deutlich aus: Thommen und Tschopp hatten der Gemeinde mit der Übernahme einen grossen Dienst erwiesen.

Vom Gemeindeprojekt zur modernen Uhrenfabrik

Mit der Übernahme begann der eigentliche Aufstieg. Gedeon Thommen erwies sich als Mann mit Weitblick und Beharrlichkeit. Er verstand, dass sich die Uhrenproduktion nur dann behaupten konnte, wenn sie technisch auf der Höhe der Zeit arbeitete. Er vertiefte sich in die Uhrmacherei, begnügte sich nicht mit bestehenden Verfahren und trieb Verbesserungen voran. Unter seiner Leitung wurden präzise Maschinen entwickelt, mit denen Uhrenbestandteile serienweise hergestellt werden konnten. Das hatte weitreichende Folgen: Die Teile wurden austauschbar, die Fertigung verlässlicher, die Produktion leistungsfähiger.

Damit wurde in Waldenburg der Schritt von handwerklich geprägter Fertigung zu moderner Industrie vollzogen. In den 1870er-Jahren musste die erste Fabrik bereits zweimal erweitert werden, Anfang der 1880er-Jahre kam ein zweites Fabrikgebäude hinzu. Aus einem missglückten Gemeindeunternehmen war eine tragfähige Industrie geworden, die dem Tal Arbeit, Einkommen und neue Perspektiven brachte.

Der lange Weg zur Waldenburgerbahn

Doch Gedeon Thommen dachte weiter. Ihm war klar, dass eine Industrie ohne leistungsfähige Verkehrsverbindung auf Dauer gehemmt blieb. Wer Rohstoffe heranschaffen und fertige Produkte ausliefern wollte, brauchte bessere Wege. So wurde Thommen auch zum treibenden Motor der Waldenburgerbahn.

Der Weg dorthin war lang. Schon in den 1850er- und 1860er-Jahren gab es Projekte, Hoffnungen und Verträge. Mehrmals schien eine Lösung in Reichweite, dann zerschlug sie sich wieder. Konzessionen wurden beschlossen, aber nicht verwirklicht. Andere Bahnprojekte warfen ihren Schatten voraus und verschwanden wieder. Das Tal musste lernen, dass es auf fremde Hilfe kaum zählen konnte. Erst 1879 reifte der Entschluss, den Bahnbau in eigener Verantwortung an die Hand zu nehmen.

Gedeon Thommen war in dieser Phase die prägende Figur. Er verfasste Eingaben, führte Verhandlungen mit Banken, liess Berechnungen über Kosten und Rentabilität erstellen und übernahm als Präsident der Direktion Verantwortung. 1880 wurde gebaut. Auch dabei verlief nicht alles reibungslos. Es gab Konflikte über Ausführung, Linienführung und Kosten, die Eröffnung verzögerte sich. Am Ende setzte sich das Unternehmen durch. Am 1. November 1880 wurde der Personenverkehr aufgenommen, im Januar 1881 folgte der Güterverkehr. Die Bahn mit ihrer Spurweite von 75 Zentimetern war die erste Schmalspurbahn der Schweiz. Für das Waldenburgertal bedeutete sie einen tiefen Einschnitt zum Besseren. Schon in den ersten beiden Monaten übertraf die Zahl der Fahrgäste die bisherigen Postverbindungen bei weitem.

Unternehmer und Gemeinwesenmann

Wer Gedeon Thommen nur als erfolgreichen Fabrikanten würdigt, sieht nur einen Teil seines Lebenswerks. Er war auch ein Mann des öffentlichen Dienstes. Schon jung wirkte er als Gemeindeschreiber, später als Gemeinderat. Er förderte eine rationellere Forstwirtschaft, sass bis an sein Lebensende in der Gemeindeschulpflege und gehörte auch der Bezirksschulbehörde an. Dazu kamen politische Ämter auf kantonaler und nationaler Ebene. Während 26 Jahren sass er im Landrat, später wurde er in den Nationalrat gewählt.

Besonders eindrücklich ist sein Einsatz für das Schulwesen. Den Bau eines neuen Schulhauses unterstützte er mit namhaften Summen. Seine Zuwendungen beliefen sich schliesslich auf mehr als 30’000 Franken. Das war für damalige Verhältnisse ausserordentlich viel. Auch an sozial Schwächere dachte er. Er stellte Mittel für ärmere Einwohner zur Verfügung und sorgte mit einer Stiftung dafür, dass bedürftige Schulkinder Kleidung und Verpflegung erhalten konnten. Selbst die Geschichte seines Heimatstädtchens wollte er bewahrt wissen und traf dafür entsprechende Vorkehrungen.

Ein Leben mit Licht und Schatten

Bei allem Erfolg blieb auch Gedeon Thommen von schweren persönlichen Schlägen nicht verschont. Mehrere Kinder starben früh. Zwei Söhne, auf denen grosse Hoffnungen ruhten, wurden ihm ebenfalls entrissen. In seinen letzten Jahren kam eine schwere Krankheit hinzu. Die stattliche Villa am Waldrand, die er sich hatte bauen lassen, konnte er nur noch wenige Jahre bewohnen. Am 18. Dezember 1890 starb Gedeon Thommen.

Was bleibt

Mit Gedeon Thommen verlor das Waldenburgertal keinen gewöhnlichen Unternehmer. Es verlor einen Mann, der Entwicklungen früh erkannte, Widerstände in Kauf nahm und Verantwortung nicht scheute. Er half mit, die Uhrenindustrie im Tal auf eine tragfähige Grundlage zu stellen. Er kämpfte beharrlich für die Eisenbahn. Er förderte Schule, Infrastruktur und Gemeinsinn. Sein Denken war weit gespannt und zugleich fest im Tal verankert.

Sein Name steht bis heute für eine Epoche, in der aus einem bedrängten Landstrich eine Region mit industrieller Zukunft wurde. Gedeon Thommen hat dem Waldenburgertal keinen Glanz von aussen verliehen. Er hat mitgeholfen, dass es aus eigener Kraft aufstieg. Genau darin liegt seine eigentliche Grösse.