Es braucht manchmal nur zwei Menschen, um Geschichte zu schreiben. Im Fall der Oris-Uhrenfabrik waren es Georges Christian und Paul Cattin, die 1904 den Grundstein legten für eine Erfolgsgeschichte, die bis heute weiterlebt.
Einer von beiden prägte die Firma besonders – mit kaufmännischem Geschick und Weitblick: Georges Christian, Unternehmer mit Wurzeln in Le Locle, der die entscheidenden Jahrzehnte bestimmte.
Aus der Westschweiz nach Hölstein
Als die beiden Uhrmacher 1904 nach Hölstein kamen, war die Uhrenindustrie im Waldenburgertal bereits etabliert – allen voran die Thommens Uhrenfabrik AG in Waldenburg, die schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts bestand. Und doch war die Region wirtschaftlich nach wie vor auf der Suche nach neuen Perspektiven. Der Bau der Hauensteinbahn hatte den Verkehrsfluss verlagert und der Region zugesetzt; die Landwirtschaft allein konnte immer weniger Existenzen sichern.
Wo andere einen Rückschritt sahen, erkannte Christian eine Chance: gut ausgebildete, fleissige Menschen, Raum für Neues – und eine Fabrik, die nach Nutzung verlangte. Gemeinsam mit Cattin mietete er die leerstehende Anlage der ehemaligen Uhrenfirma Lohner & Näf und gründete die Oris Watch Company.
Aufbau mit System
Georges Christian blieb der Mann der Strukturen – während Cattin nach einigen Jahren in den Hintergrund trat.
Christian baute nicht nur eine Fabrik, sondern ein funktionierendes System:
- Er rekrutierte Fachkräfte, bildete Personal aus und förderte junge Talente aus dem Tal.
- Er investierte in moderne Maschinen und solide Produktionsketten.
- Er sorgte dafür, dass Oris früh nicht nur montierte, sondern auch eigene Teile herstellte – vom Zahnrad bis zur Platine.
So wuchs das Unternehmen rasch. Bereits 1911 beschäftigte Oris über 300 Mitarbeitende – und war der grösste Arbeitgeber im Tal.
Fabriken für ein ganzes Dorf
Mit der Zeit entstanden weitere Produktionsstätten in Holderbank, Courgenay, Herbetswil, Ziefen und Biel. Oris wuchs über das Tal hinaus – doch der Hauptsitz blieb in Hölstein, fest eingebettet in der Region.
Christian setzte auf eine Nähe zur Belegschaft. Er war kein anonymer Direktor, sondern kannte die Menschen, die für ihn arbeiteten. Oris wurde zu einem sozialen Raum, der Ausbildung, Beschäftigung und Stabilität bot – nicht zuletzt für viele Frauen, die im Bereich der feinmechanischen Arbeit unentbehrlich waren.
Krisenfest und wachstumsstark
Die erste grosse Bewährungsprobe kam mit dem Ersten Weltkrieg. Der Export brach ein, Unsicherheit prägte den Markt. Doch Christian hielt das Unternehmen stabil: Er diversifizierte die Produktion, liess etwa auch Wecker herstellen, und baute das Vertriebsnetz systematisch aus. So führte er Oris ohne Entlassungen durch die Kriegsjahre – eine Seltenheit in jener Zeit.
Nach 1918 setzte Oris seinen Aufstieg fort. Nun begann der gezielte Ausbau internationaler Märkte: Deutschland, England, Skandinavien und Übersee. Die Uhren galten als solide, schlicht und zuverlässig – ehrliches Handwerk mit Präzision, kein Luxusprodukt, sondern verlässlicher Alltagspartner.
Der frühe Tod eines Visionärs
1927, auf dem Höhepunkt seiner unternehmerischen Tätigkeit, starb Georges Christian unerwartet – im Alter von nur 55 Jahren. Die Führung übernahm sein Schwager Oscar Herzog, der das Unternehmen weitere vier Jahrzehnte prägen sollte.
Christians Tod war ein tiefer Einschnitt – doch sein Erbe blieb: ein florierendes Unternehmen, eine starke Belegschaft, ein tragfähiges Netz von Produktionsstätten und eine Philosophie, gegründet auf Qualität, Bodenständigkeit und regionaler Verankerung.
Was bleibt
Georges Christian war kein Mann der Bühne. Seine Stärke lag im Aufbau, im Strukturieren, im strategischen Denken. Ohne ihn gäbe es Oris in der heutigen Form nicht – und ohne Oris wäre das Waldenburgertal wohl kaum zu einem der bedeutendsten Standorte der Schweizer Uhrenindustrie geworden. Er steht für den Geist einer Zeit, in der Unternehmer mehr waren als Geschäftsführer – sie waren Möglichmacher.
Georges Christian brachte dem Tal nicht nur Arbeitsplätze, sondern eine industrielle Identität. Eine Identität, die bis heute spürbar ist.
