Wenn wir heute in Werkhallen oder Werkstätten stehen, sind Schutzvorrichtungen, Not-Aus-Schalter und Sicherheitsvorschriften eine Selbstverständlichkeit.
Doch im 19. Jahrhundert, in den Jahrzehnten der frühen Industrialisierung, war dies keineswegs der Fall. Die Arbeiterinnen und Arbeiter waren den Gefahren von Maschinen und giftigen Stoffen meist schutzlos ausgeliefert. Dass sich dies änderte, ist auch einem Mann aus dem Waldenburgertal zu verdanken: Edmund Nüsperli (1838–1890). Er gehörte zu den ersten eidgenössischen Fabrikinspektoren und gilt als einer der Pioniere der modernen Arbeitssicherheit in der Schweiz.
Kindheit und Jugend in Waldenburg
Edmund Eugen Friedrich Nüsperli wurde am 23. Juli 1838 in Waldenburg geboren. Sein Vater, Friedrich Nüsperli, war Pfarrer, Lehrer und eine prägende Figur des Baselbieter Bildungswesens. Er setzte sich für eine moderne Schule ein, gründete Vereine und regte die Einführung von Heimatkunde an. In diesem Umfeld wuchs Edmund auf: geprägt von Bildung, Pflichtbewusstsein und einem offenen Blick für die Gesellschaft.
Schon in der Schulzeit zeigte der junge Nüsperli handwerkliches Geschick. Er verbrachte viel Zeit bei Spenglern und Buchbindern, wo er sich praktische Fertigkeiten aneignete. Nach der Bezirksschule besuchte er die gewerbliche Abteilung der Kantonsschule Aarau. Doch statt eine akademische Laufbahn einzuschlagen, entschied er sich für einen praktischen Weg: den Beruf des Mechanikers.
Wanderjahre und Erfahrungen im Ausland
Seine Lehre absolvierte Nüsperli in der Werkstatt der Gebrüder Buser in Gelterkinden, einem Betrieb, der mit der Posamenterei verbunden war. Danach zog er auf Wanderschaft – wie es damals üblich war, um Erfahrung zu sammeln. In Winterthur arbeitete er bei der Maschinenfabrik Rieter und brachte es dort bis zum Werkmeister.
Besonders prägend waren seine Jahre in Paris und London. Hier lernte er nicht nur die neuesten technischen Entwicklungen kennen, sondern auch die sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft. Die Industrialisierung hatte in den Grossstädten ihre Schattenseiten: Kinderarbeit, elende Wohnverhältnisse und fehlender Arbeitsschutz. Nüsperli kam in Kontakt mit der Arbeiterbewegung und schloss sich zeitweise sogar der Internationalen Arbeiterassoziation an. Später distanzierte er sich zwar von politischen Gruppierungen, behielt aber sein lebenslanges Engagement für das Wohl der Arbeiter bei.
Fabrikant und Politiker in La Neuveville
Nach seiner Rückkehr in die Schweiz arbeitete Nüsperli zunächst bei Caspar Honegger in Rüti ZH, bevor er sich 1866 mit dem Ingenieur Charles Schnider in La Neuveville BE selbständig machte. Gemeinsam führten sie eine Maschinenbauwerkstätte. Nüsperli machte sich in dem Bielerseestädtchen schnell einen Namen, wurde sogar 1875 in das Amt des «Adjoint du Maire» gewählt.
Doch seine politische und technische Begabung führten ihn bald auf eine grössere Bühne: 1878 wählte ihn der Bundesrat zu einem der drei ersten eidgenössischen Fabrikinspektoren. Damit war er fortan im Dienst des jungen Bundesstaates tätig.
Der Fabrikinspektor
Die Berufung zum Fabrikinspektor war das Ergebnis langer politischer Debatten. 1877 hatte das Schweizer Volk einem Fabrikgesetz zugestimmt, das erstmals die Arbeitszeiten regelte, Kinderarbeit beschränkte und Frauenarbeit gesetzlich schützte. Dieses Gesetz musste nun auch kontrolliert werden – eine Aufgabe, die den neuen Inspektoren zufiel.
Nüsperli erhielt den zweiten Inspektionskreis, der die Westschweiz und das Tessin umfasste. Später wechselte er nach Aarau und war zuständig für einen grossen Teil der Deutschschweiz, darunter auch das Baselbiet. Gemeinsam mit seinen Kollegen reiste er durch die Fabriken, führte Inspektionen durch und verfasste Berichte. Was heute als Bürokratie erscheinen mag, war damals Pionierarbeit: Es ging darum, erstmals Standards für Arbeitssicherheit zu definieren.
Erfinder und Praktiker
Anders als sein Kollege Fridolin Schuler, der vor allem publizistisch wirkte, war Nüsperli ein Praktiker. Er entwickelte konkrete Schutzvorrichtungen, um die Unfallgefahr in Fabriken zu verringern. Darunter fanden sich eine Schutzkappe für Kreissägen, ein mechanischer Riemenaufleger für Transmissionen und ein Fahrstuhlmodell mit Sicherheitsvorrichtungen.
Eine besondere Plattform erhielt er 1883 an der ersten Schweizer Landesausstellung in Zürich. Dort stellten die Fabrikinspektoren in einer Sonderschau verschiedene Schutzgeräte vor – ein Meilenstein, der die Arbeitssicherheit erstmals einer breiten Öffentlichkeit präsentierte. Nüsperli publizierte dazu eine Broschüre mit 110 Beispielen von Schutzvorrichtungen, deren Erlös in eine frei zugängliche Modellsammlung floss.
Die Zündholzfrage
Ein weiteres zentrales Thema in Nüsperlis Arbeit war die Herstellung von Zündhölzern. Damals wurden diese oft mit gelbem Phosphor produziert, dessen Dämpfe zu schweren Vergiftungen führten. Arbeiterinnen erkrankten an der sogenannten Phosphornekrose – einer grausamen Erkrankung, die den Kiefer zerfrass und meist tödlich endete.
Bereits 1879 hatte das Parlament die Verwendung von gelbem Phosphor verboten. Doch wirtschaftliche Interessen und die Konkurrenz aus dem Ausland führten dazu, dass dieses Verbot bald wieder aufgehoben wurde. Nüsperli warnte unermüdlich vor den Gefahren und drängte auf eine konsequente Lösung.
Nachdem der Bundesrat 1889 sogar die Einführung eines Zündhölzchenmonopols vorgeschlagen hatte, kam es 1898 endlich zum Durchbruch: Mit dem Bundesgesetz «betreffend die Fabrikation und den Vertrieb von Zündhölzchen» wurde die Herstellung, Einfuhr und der Verkauf von Zündhölzern mit gelbem Phosphor endgültig verboten. Zwar erlebte Nüsperli diesen Erfolg nicht mehr, doch er hatte entscheidend dazu beigetragen.
Ein früher Tod
Am 9. Juni 1890 nahm Nüsperli noch an einer Aarauer Gemeindeversammlung teil, wo er mehrfach das Wort ergriff. Wenige Stunden später erlitt er in seinem Heim, dem «Schlössli», einen Herzschlag. Er wurde nur 51 Jahre alt. Ein Nachruf im «Eidgenössischen Nationalkalender» beschrieb ihn als «ernsten Mann, eine zielbewusste Arbeitskraft, ein biederer Charakter, ein menschenfreundliches Herz». Seine Frau Ida Luise, Tochter des Gründers der Domäne Witzwil, überlebte ihn um Jahrzehnte.
Vermächtnis
Edmund Nüsperli gehört zu jenen Persönlichkeiten, die in der grossen Geschichte kaum Erwähnung finden, deren Wirken aber den Alltag vieler Menschen bis heute prägt. Er war ein Mann des Übergangs: aus dem ländlichen Waldenburg stammend, von der technischen Moderne geprägt, getragen von einem tiefen Verantwortungsgefühl für die Schwächeren der Gesellschaft.
Sein Engagement für Arbeitssicherheit, seine Erfindungen und seine Hartnäckigkeit im Kampf gegen gesundheitsschädliche Produktionsweisen machten ihn zu einem Pionier der sozialen Industriegeschichte. Dass wir heute Sicherheitsstandards als selbstverständlich betrachten, ist auch seiner Arbeit zu verdanken.
Bezug zum Waldenburgertal
Dass dieser Wegbereiter der Arbeitssicherheit in Waldenburg aufwuchs, ist kein Zufall. Das Tal war im 19. Jahrhundert ein Ort des Umbruchs: Handwerk, frühe Industrie, Eisenbahn – all dies prägte die Region. Edmund Nüsperli trug dieses Erbe hinaus in die Welt, verband technisches Können mit sozialem Verantwortungsbewusstsein und wurde so zu einem Pionier, der im Industriemuseum Waldenburgertal seinen Platz haben muss.
Quellen
- Baselbieter Heimatblätter, Band 50 (1985), Heft 2: «Edmund Nüsperli – der Vater der Unfallverhütung».
- Diverse biographische Angaben aus dem Biographischen Lexikon des Aargaus 1803–1957 (Aarau 1958).
- Nachruf im Eidgenössischen National-Kalender für das Jahr 1891.
