Reinhard Straumann – Vom Uhrwerk zum Menschenwerk

Im Waldenburgertal hat vieles mit Zeitmessung begonnen – mit Zahnrädern, Federn, Spiralen. Doch einer der grössten Pioniere der Region wandte sich irgendwann nicht mehr den Uhren, sondern den Menschen zu.

Reinhard Straumann, geboren 1892 in Bennwil, war zunächst ein hochbegabter Metallurge und Ingenieur in der Uhrenindustrie. Später wurde er zum Wegbereiter einer modernen Medizinaltechnik, deren Wirkung bis heute in Spitälern auf der ganzen Welt zu spüren ist.

Die Präzision im Blut

Straumann studierte an renommierten technischen Schulen – dem Technicum in Neuchâtel sowie der Ecole Supérieure d’Aéronautique in Lausanne. Früh spezialisierte er sich auf Werkstoffe, insbesondere auf Legierungen für Präzisionsinstrumente. Als technischer Direktor der Thommens Uhrenfabriken in Waldenburg brachte er sich aktiv in die Entwicklung der Uhrenindustrie ein – aber damit war sein Wissensdurst nicht gestillt.

Ein schwerer Skisprung-Unfall im Winter 1925/26 brachte eine Wende in seinem Leben. Während der langen Rekonvaleszenz begann er sich intensiv mit der Kristallstruktur des Knochens zu beschäftigen – eine damals kaum erforschte Thematik. Aus der Metallurgie wurde Biomechanik.

Pionier der medizinischen Forschung

Was Reinhard Straumann tat, war revolutionär: Er wies als einer der ersten nach, dass auch organische Knochensubstanz eine kristalline Struktur besitzt. Seine Publikationen aus dem Jahr 1932 in medizinischen Fachzeitschriften galten als bahnbrechend. Und das alles geschah in einem privaten Labor, das er in seinem Wohnhaus in Waldenburg eingerichtet hatte – neben Radiowellen, Röntgenstrahlen und metallurgischen Versuchen.

Doch seine Forschung blieb nicht auf dem Papier. Bald schon stellte sich heraus, dass Straumanns Erkenntnisse für die Implantatentwicklung und die Frakturheilung höchst relevant waren. Damit war der Grundstein gelegt für ein neues Kapitel: Medizinische Werkstofftechnik aus dem Baselbiet.

Der Schanzenbauer der Sicherheit

Neben seiner Arbeit im Labor war Reinhard Straumann auch ein passionierter Skispringer – bis zum erwähnten Unfall. Doch anstatt den Sport aufzugeben, wollte er ihn sicherer machen. Zwischen 1926 und 1952 veröffentlichte er rund 20 wissenschaftliche Arbeiten über den Skisprung, analysierte aerodynamische Kräfte, entwickelte Normen für Sprungschanzen und Ausläufe. Seine Formeln und Modelle wurden im Göttinger Windkanal getestet. 1932 erklärte die Fédération Internationale de Ski (FIS) seine Normen als verbindlich. Der Sicherheitsstandard im Skispringen wurde damit deutlich erhöht – weltweit.

Gründung des Forschungsinstituts Straumann

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse wollten bald nicht mehr ins Wohnhaus passen. 1954 gründete Reinhard Straumann in Waldenburg das Forschungsinstitut Dr. Ing. R. Straumann AG. Mit an Bord: sein Sohn Fritz Straumann, ebenfalls Ingenieur. Die Firma begann mit 20 Mitarbeitenden – und wurde zur Keimzelle für eine medizinische Revolution.

Ab 1960 arbeitete das Institut eng mit der neu gegründeten Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) zusammen. Gemeinsam mit führenden Chirurgen wie Maurice Müller, Martin Allgöwer und Hans Willenegger wurde eine neue Methode zur Knochenbruchbehandlung entwickelt – die stabile Osteosynthese. Die Herausforderung dabei: Werkstoffe zu finden, die belastbar, bruchsicher und gleichzeitig gewebekompatibel waren. Straumann hatte sie.

Weltweite Wirkung aus Waldenburg

Was dann geschah, ist kaum hoch genug einzuschätzen. Die Spezifikationen für Implantatstahl, die im Waldenburger Institut entwickelt wurden, sind bis heute Grundlage internationaler Normen (ISO, ASTM). Das Institut Straumann entwickelte Schrauben, Platten, Instrumente – und lieferte das Material für Millionen von chirurgischen Eingriffen. Allein 1980 wurden über 5 Millionen Implantate hergestellt.

Die AO-Kurse, mit denen Chirurgen weltweit geschult wurden, wurden zum Teil in Waldenburg organisiert. Das Kursmaterial – 15 Tonnen schwer – wurde von dort aus in die Welt verschickt. Bis 1980 waren rund 25’000 Ärztinnen und Ärzte in der neuen Technik ausgebildet worden.

Auch Tier und Zahn profitierten

Was in der Humanmedizin begann, wurde bald auf die Veterinärmedizin ausgeweitet. 1969 wurde in Waldenburg die Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthese in der Veterinärmedizin (AO-Vet) gegründet. Auch die Zahnmedizin klopfte an: Kieferimplantate, Zahnaufbauschrauben, korrosionsfeste Dentalwerkstoffe – alles entwickelt mit dem Know-how aus dem Tal.

1972 konnte ein grosser Institutsneubau bezogen werden, 1980 war die Belegschaft auf 150 Mitarbeitende angewachsen. Spätestens jetzt war Waldenburg ein weltbekannter Ort der Medizinaltechnik – mit einem Namen, der global für Qualität steht: Straumann.

Ein Leben für Präzision und Fortschritt

Reinhard Straumann verstarb 1967. Sein Sohn Fritz führte das Institut weiter – mit ebenso viel Bescheidenheit wie wissenschaftlicher Brillanz. Bis heute gilt das Unternehmen (heute als internationale Firmengruppe aktiv) als eine der wichtigsten Pionierstätten für Implantate und Biokompatibilität.

Dass dies alles seinen Ursprung in einem kleinen Haus im Waldenburgertal nahm, ist eine Geschichte, die Mut macht. Weil sie zeigt, was möglich ist, wenn Technik und Menschlichkeit zusammenwirken.

Reinhard Straumann – der Mann, der aus Zahnrädern ein medizinisches Weltzentrum machte.

Erleben Sie im Industriemuseum Waldenburgertal, wie eine Idee aus Waldenburg die Medizin veränderte.