Von Liedertswil nach Wien: Ein Erfinderleben im Mittelpunkt des IMW-Flash

Ein Mann aus dem Waldenburgertal wollte fliegen – und nahm dafür beträchtliche Risiken auf sich. Beim IMW-Flash vom 30. Oktober 2026 in Niederdorf stellte Rolf von Siebenthal seinen Roman «Der Erfinder» vor. Gemeinsam mit Vorleser Hanspeter Gautschin brachte er dem Publikum den ungewöhnlichen Lebensweg von Jakob Degen näher.

Wie wird aus einem historischen Lebenslauf ein Roman? Der Abend im Niederdörfer Mehrzweckraum gab darauf eine anschauliche Antwort. Rolf von Siebenthal erläuterte in seinem bebilderten Vortrag die Zeitumstände und die Recherchen zu seinem Buch. Dazwischen las Hanspeter Gautschin ausgewählte Passagen vor. So ergänzten sich historische Einordnung und literarische Erzählung.

Im Mittelpunkt stand ein Erfinder, dessen Herkunft eng mit unserer Region verbunden ist, dessen Wirken sich aber vor allem in Wien entfaltete. Jakob Degen kam um 1760 in Liedertswil zur Welt. Mit seinen Eltern gelangte er später in die österreichische Metropole, wo Schweizer Seidenbandweber bereits eine Gemeinschaft bildeten. Er erlernte das Uhrmacherhandwerk – eine Grundlage für seine spätere Arbeit an technischen Konstruktionen.

Der Traum vom Fliegen hatte seinen Preis

Degens Interesse galt bald einer Herausforderung, die damals kaum lösbar schien: dem menschlichen Flug. Mit selbst entwickelten Apparaten wagte er Versuche, die in Wien Aufsehen erregten und auch die Aufmerksamkeit des Kaisers fanden.

Doch hinter den öffentlichen Vorführungen stand ein schwieriger Alltag. Die Entwicklung seiner Fluggeräte verschlang Geld. Degen machte Schulden, deren Folgen auch seine Familie zu tragen hatte. Gerade diese Spannungen interessierten Rolf von Siebenthal: technische Begabung und Beharrlichkeit auf der einen Seite, persönliche Schwächen und belastende Entscheidungen auf der anderen.

«Der Erfinder» zeichnet deshalb das Bild eines Menschen, dessen Begeisterung ihn antrieb, ihn und seine Angehörigen aber auch an Grenzen brachte. Seine Geschichte reicht zudem weit über die Flugversuche hinaus. Später widmete sich Degen Verfahren, mit denen Banknoten besser gegen Fälschungen geschützt werden konnten. Auf diesem Gebiet erzielte er bedeutende Erfolge.

Wo die Quellen schweigen, beginnt die Arbeit des Romanautors

Den Anstoss zum Buch gab eine Gedenktafel an Degens Geburtshaus in Liedertswil. Aus der Neugier auf den Namen entwickelte sich eine umfangreiche Beschäftigung mit dessen Biografie.

Dabei stiess von Siebenthal immer wieder auf Lücken. Über die Reise der Familie nach Wien oder einzelne Stationen der Ausbildung ist beispielsweise nicht alles überliefert. Für solche Abschnitte zog er Informationen über die damaligen Lebensverhältnisse und Abläufe heran. Sie halfen ihm, erzählerische Szenen zu entwickeln, die sich glaubwürdig in die Zeit einfügen.

Beim Vortrag wurde damit auch deutlich, was ein biografischer Roman leisten kann: Er folgt den bekannten Lebensstationen und schafft zugleich Raum für eine literarische Annäherung an den Menschen dahinter.

Ein Platz in der Erinnerung

Weshalb ist Jakob Degen heute ausserhalb interessierter Kreise wenig bekannt? Von Siebenthal verwies auf dessen Lebensweg zwischen zwei Ländern. In der Schweiz geboren und in Österreich tätig, wurde er in keinem der beiden Länder dauerhaft zu einer fest verankerten Erinnerungsfigur. Auch die spätere Bewertung seiner Flugtechnik trug dazu bei, dass seine Versuche in den Hintergrund rückten.

Für das Industriemuseum Waldenburgertal bietet seine Geschichte einen besonderen Zugang zur regionalen Vergangenheit. Sie zeigt, wie weit die Wege von Menschen aus unserem Tal führen konnten – und wie Erfindungsgeist, handwerkliches Können und persönliche Lebensumstände zusammenwirkten.

Ein gelungener Abend mit Begegnungen und Gesprächen

Das Zusammenspiel von Vortrag und Lesung machte den IMW-Flash zu einem lebendigen Abend. Beim anschliessenden Apéro blieb Gelegenheit, sich über das Gehörte auszutauschen und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Wir danken Rolf von Siebenthal für die Einblicke in sein Buch und seine Recherchen.

Foto: Lorenz Degen